Musikalische Erinnerungen

 Von: Michael Röll

 

Ich denke es ist an der Zeit, die Serie "Geschichten von und mit Wuppertaler Musikern" fortzusetzen. Der Wolfgang Eckhardt hat ja nun einen Maßstab gesetzt. An dieser Stelle möchte ich nun auch meine Geschichte als Wuppertaler Amateurmusiker erzählen. Die Gelegenheit ist günstig, denn ich habe Urlaub. Heute ist der 9. November 2001 und ich sitze hier auf einem wunderschönen Balkon in einem Apartmenthaus in Playa del Ingles (Gran Canaria) bei 27 Grad im Schatten und habe natürlich ein kühles Getränk vor mir stehen. Also die besten Vorraussetztungen für meine musikalischen Memories.

Meine erste Gitarre bekam ich bereits im Alter von 12 Jahren. Ich war damals bei den Pfadfindern und unser Gruppenführer zeigte mir die Grundgriffe für das Gitarrenspiel. Da ich schon damals lieber Rock and Roll statt Fahrtenlieder mochte, verlies ich die Truppe alsbald.  Im Herzen der Nordstadt auf dem Ölberg gebürtig hatten wir dort unseren Annawald. In diesem besagten Annawald trafen wir uns fast täglich mit einer so genannten Clique. Dort lernte ich auch den Fuzzy (Willi Storat) und  den Schimmel (Gerd Oetlelshoven) kennen. Der Fuzzy und ich mit der Gitarre und der Schimmel trommelte dann immer auf irgendwelchen Parkbänken rum. Dazu gesellte sich auch oft der Achim Deubert mit seiner schwarzen Westerngitarre. In dieser Zeit lernte ich auch den Ralph Hain (Gitarre) kennen. Ralph arbeitete später jahrzehntelang bei Musikhaus Wessely und anschließend bei Musikhaus Mewes in Barmen. Diese Zeit im Annawald war sehr schön, sie war sozusagen der Grundstock meiner musikalischen Karriere als Amateurmusiker. Ich fahre heute gelegentlich mal dort hin, und obwohl keine Parkbank mehr so da steht wie früher, sehe ich dann alles wie vor langer langer Zeit.

 

1962 fing alles an.

Damals im Frühjahr '62 lernte ich den Peter Zadina kennen. Wir wohnten nicht weit auseinander, ich in der Schmiedestraße, Peter in der Alemannenstraße. Peter war wie ich sehr musikbegeistert und spielte auch Gitarre. Aber das tollste in dieser Zeit, er hatte ein eigenes Zimmer. Dort hörten wir des Sonntags AFN Radio, die Charts rauf und runter, alles was der US Sender  Rock an Roll mäßig zu  bieten hatte. In den Britischen Charts spielte sich Anfang der sechziger noch nicht so viel ab. Das sollte sich einige Jahre später drastisch ändern. So waren denn unsere musikalischen Vorbilder: Buddy Holly, Fats Domino, Chuck Berry, Richi Valent, Roy Orbison, Jerry lee Lewis, Little Richard usw. In dieser Zeit als Peter und ich mit unseren Gitarren übten, lernten wir den Günter Kraus kennen. Günter wohnte in Sonnborn auf dem Kirberg. Er spielte natürlich auch Gitarre. Jetzt hatten wir drei die gleichen Instrumente. Die klassische Besetzung war damals, Sologitarre, Rythmusgitarre, Bass, Schlagzeug und ev. Piano. Nun mußten wir drei losen wer Bass spielt. Auf wen das Los viel brauche ich euch sicher nicht zu verraten. Irgendwie stießen wir dann auf den vierten im Bunde. Es war der Rudi Flader. Er war ganz besessen vom Trommeln. Er wohnte auch auf dem Ölberg, in der Schreinerstraße. Nun trafen wir uns regelmäßig bei Peter hörten weiterhin die Charts, und übten fleißig. Peters Eltern waren sehr tolerant  . Wenn wir es nicht zu toll trieben ließen sie uns gewähren. Nun träumten wir natürlich von einer eigenen Anlage, von Verstärkern und Mikrofonen. Des sonntags nach den Charts fuhren wir oft mit der Schwebebahn nach Barmen. Dort in der Westkotterstraße hatte der Horst Wessely sein Musikgeschäft. Anfangs war das noch sehr klein. Wir drückten uns jedenfalls an der Schaufensterscheibe die Nase platt um all die schönen Dinge zu betrachten die damals unsere Herzen begehrten. Wir wußten das der Wessely jungen Musikern auch Kredite gab, aber nur wenn ein Erwachsener dafür unterschrieb. Peter und ich hatten dann einige Mühe unsere Eltern davon zu überzeugen  für den Kredit zu Bürgen. Wir mußten aber Versprechen, ein Teil unserer Gage, wenn wir dann einen Gig hatten monatlich für den Kredit abzugeben. Und dann kam der große Tag, wir gingen einkaufen. Drei AKG Mikrofone, drei Galgen, Echolette, Eminent und eine so genannte ET2 Box. Ich bekam dann meinen ersten Elektrobass, einen EKO mit Bügeleisenschalter. Farbe rot, schwarzes Schlagbrett. Peter bekam irgendeine E-Gitarre von Framus. Der Rudi überzeugte seine Mutter und bekam ein Schlagzeug. Der Günter hatte plötzlich auch irgendeine E-Gitarre. Nun war die Band und das Equipment komplett. Wir nannten uns damals  "The Highflyings".

Unseren allerersten Gig bekamen wir in Barmen. Das Lokal hieß "Atlantis", der Inhaber war ein Grieche. Wir spielten dort einen Monat (war damals so üblich) jeden Samstag und Sonntag. All das was wir bei Peter immer wieder geprobt hatten kam beim Publikum super an. Den Günter hatten unsere Eltern auserkoren den  Zahlmeister zu spielen. Er mußte immer jeden ersten im Monat die Kohle zum Wessely bringen. Peter und ich hatten mal versucht ihn zu überreden einen Monat auszusetzen und das Geld auf den Kopf zu hauen, aber er blieb standhaft und zahlte immer pünktlich. Unsere Eltern hatten das richtige Gespür ihm zu Vertrauen. Ansonsten konnte und kann man noch heute mit dem Günter Pferde stehlen. Und so zogen wir damals von Gig zu Gig. Die nächste Station war das "Rendezvous" in Elberfeld. Wir hatten uns kurz vorher von unserem Drummer getrennt. Ich habe zwar in der folgenden Zeit nie mehr einen Musiker kennen gelernt der so begeistert war, aber es reichte eben nicht. Der Rudi hatte das auch eingesehen und blieb ein treuer Fan. Unser neuer Drummer hieß Horst Hunger. Damals schon ein renommierter Musiker. Er hatte  wo sonst das Standtom steht eine Orgel, und wenn es angesagt war bediente er beides Drum und Orgel. Nachdem sich Fuzzy's damalige Gruppe "The Young ones" aufgelöst hatten, holten wir ihn als fünften Musiker in unsere Band. Somit hatten wir jetzt drei Gitarren, ein Bass, Drum und Orgel. Da der Fuzzy schon in seiner vorigen Band die Sologitarre spielte, wechselte er sich mit Peter bei Solis ab. Er brachte aber auch etliche Shadows Stücke in die Band ein. Nachdem wir in dieser Besetzung noch einen Monat im Rendezvous spielten, hatten wir für den Folgemonat ein Angebot bekommen im Stadtsaal in Vohwinkel zu spielen. Der Chef im Stadtsaal war damals ein gewisser Herr Gumpert. Er machte im Vorfeld eine riesige Plakat Werbung. Wir spielten dann am 01. Mai 1962 zum ersten mal dort. Beginn war 17:00 Uhr. Der Laden war Proppen voll, und es wurde ein riesen Erfolg. Unsere Band hieß damals "The Liverpool's" das war einfach angesagt, weil immer mehr Einflüsse von der Insel rüber schwappten. Im Folgemonat Juni machten wir unseren ersten Auswärtsgig. Fuzzy's  Vater hatte ein Konfektionsgeschäft in Mönchengladbach im Navy Hauptquartier, also alles Engländer. Er machte diesen Gig klar. Einen ganzen Monat jeden Tag bei Kost,  Logie und Gage. Das Lokal hieß Coffee Koch. Und wie gesagt nur Engländer. Unsere anfänglichen Bedenken mit den englischen Texten  lösten sich in Wohlgefallen auf, denn spätestens nach dem die Tommy's ihren dritten Whisky runtergespült hatten war ihnen das piepschnurzenegal ob mal ein Vokal richtig oder falsch war. Die folgenden Monate tingelten wir dann wieder in Wuppertal und Solingen rum. Im Frühjahr 1963 zog es uns wieder in unsere Heimat auf dem Ölberg. dort in der Charlottenstraße, ein Steinwurf vom Annawald gab es das Tanzlokal "Röseler", die Inhaber hießen Heinz und Anni Rost. Das war praktisch das Lokal in dem Fuzzy mit den "Young Ones" als 14 jähriger zum ersten mal auftrat. Nun spielten wir für 8,-DM Stundenlohn pro Mann und Blutwurtsbütterken die nächsten Monate bei "Anni". Günter schleppte weiterhin Monat für Monat die Kohle zum Wessely. Bei Anni in der Charlottenstraße lernte ich in dieser Zeit auch die Ingrid kennen. Meinen EKO Bass hatte ich mittlerweile in Zahlung gegeben, und mein ganzer Stolz war nun ein Fender Jazz Bass. Ganz in weiß, ein Traum! Die musikalische Szene hatte sich plötzlich total verändert. Die Beatles marschierten mit ihrem ersten Hit "Love me do"  1963 sofort auf Platz eins der Internationalen Charts. Wir spielten jetzt kaum noch Buddy Holly und Fatz Domino sondern überwiegend Songs von den Beatles, Stones, Searchers, Kinks usw. Ein Treffpunkt wo sich damals viele Musiker begegneten war der Stadtkrug in der Poststraße, und die Bowlingbahn. Hier traf ich sie alle, den Memphis (Heiner Bose), den Kies, Volker Lieb, auch den Wolfgang Ulraum lernte ich dort kennen.

Musikalisch kam es dann so wie es vielen Bands der damaligen Szene erging wir lösten uns auf, weil jeder sich irgendwie auf seine Art weiterentwickeln wollte. Der Peter ging zu den Kentuckys, eine Rock Band aus Cronenberg mit der er großen Erfolg hatte, den Fuzzy zog es zu einer Band aus Solingen, der Horst Hunger und der Günter Kraus kamen auch musikalisch gut unter, und ich spielte von nun an mit einer Band aus Düsseldorf den COSMONAUTS" zusammen deren Bassist das militärische Schicksal ereilt hatte. Die COSMONAUTS hatten einen Profijahresvertrag mit einer Düsseldorfer Agentur. Von nun an hieß es jeden Tag spielen. Wir reisten in den nächsten 12 Monaten in ganz Deutschland herum, von Stuttgart über München bis nach Cuxhaven. Ich muß sagen, das war eine wunderschöne Zeit und ich lernte viel dazu, aber nach einem Jahr hatte ich keine Lust mehr jeden Monat in einer anderen Stadt zu spielen, ich vermisste auch meine Freunde in Wuppertal, also machte ich Schluss und kehrte in meine Heimat zurück. Hier spielte ich dann wieder mit meinen alten Kumpel.

Wir gründeten eine neue Band. Schimmel am Schlagzeug, der Uli Lau an der Sologitarre, der Wolfgang Szymaniak an der Rhythmusgitarre und ich am Bass. Wir hatten tolle Gigs ins besondere im "ROXY" in Langerfeld. Das Roxy war ein umgebautes Kino und dementsprechend war dort eine riesen Bühne. Den letzten Gig den ich in den Sechzigern hatte war im Tanzkasino in der Kölnerstraße in Wuppertal Elberfeld. War eine super Truppe, der Fuzzy, der Wolfgang, der Kies und ich. Dann bekam ich den Einberufungsbescheid und diente 18 Monate dem Vaterland. Danach kamen viele Jahre der musikalischen Enthaltsamkeit. Durch Zufall traf ich in den Achtzigern den Wolfgang wieder, an seiner Seite den Schimmel und den Fuzzy. Es dauerte dann nicht lange und ich spielte wieder Bass. Heute sind wir seit 15 Jahren die Gruppe "TALWÄRTS", haben einen eigenen Probenraum und einen eigenen Fan-Club. Aber was ganz wichtig ist wir sind vier Freunde die einmal vor fast vierzig Jahren angefangen haben Musik zu machen.